Der WHO-5 Wohlbefindens-Index: Der 5-Fragen-Screener, den jede Praxis nutzen sollte

Mit fünf Items und etwa einer Minute Bearbeitungszeit ist der WHO-5 Wohlbefindens-Index der kürzeste validierte psychische Gesundheitsscreener im breiten klinischen Einsatz. Gleichzeitig ist er einer der am meisten unterschätzten.
Entwickelt von der Weltgesundheitsorganisation, verfolgt der WHO-5 einen grundlegend anderen Ansatz als die meisten klinischen Instrumente. Statt nach Symptomen einer bestimmten Störung zu fragen, fragt er nach positivem Wohlbefinden: Heiterkeit, Ruhe, Vitalität, Interesse und Erholung. Diese Umkehrung ist zugleich seine größte Stärke und der Grund für häufige Missverständnisse über seinen klinischen Zweck.
Die fünf Items
Patienten beurteilen, wie häufig sie in den vergangenen zwei Wochen Folgendes erlebt haben, auf einer Skala von 0 (zu keinem Zeitpunkt) bis 5 (die ganze Zeit):
- Ich war froh und guter Laune
- Ich habe mich ruhig und entspannt gefühlt
- Ich habe mich aktiv und voller Energie gefühlt
- Beim Aufwachen habe ich mich frisch und ausgeruht gefühlt
- Mein Alltag war voller Dinge, die mich interessieren
Der Rohwert (0–25) wird mit 4 multipliziert, um einen Prozentwert von 0 bis 100 zu erhalten.
Klinische Interpretation
- Score über 50: Im Allgemeinen ausreichendes Wohlbefinden
- Score 28–50: Niedriges Wohlbefinden, weitere Abklärung empfohlen
- Score unter 28: Wahrscheinlich Depression, klinische Abklärung dringend empfohlen
- Veränderung um 10+ Punkte: Klinisch bedeutsame Veränderung
Ein WHO-5-Score unter 28 hat eine Sensitivität von etwa 86% für Major Depression. Damit ist der WHO-5 ein überraschend effektiver Depressionsscreener, obwohl er weder Depression noch Traurigkeit noch irgendein pathologisches Symptom erwähnt.
Warum ein positiv formuliertes Instrument wichtig ist
Die meisten psychischen Gesundheitsassessments fragen nach Problemen: „Wie oft haben Sie sich niedergeschlagen gefühlt?" „Haben Sie das Interesse verloren?" „Machen Sie sich zu viele Sorgen?" Dieser defizitorientierte Ansatz ist für Diagnostik und Schweregradmonitoring notwendig, prägt die klinische Begegnung aber auf subtile Weise.
Der WHO-5 eröffnet ein anderes Gespräch. Die Frage „Wie oft waren Sie froh und guter Laune?" verschiebt den Rahmen von Pathologieidentifikation zu Wohlbefindenserfassung. Das ist in mehreren Kontexten relevant.
Screening in der Primärversorgung. Patienten, die wegen Halsschmerzen in die Hausarztpraxis kommen, reagieren möglicherweise ablehnend auf einen Fragebogen zu Depression und Angst. Der WHO-5 wirkt wie ein allgemeiner Gesundheitscheck statt wie ein psychiatrisches Screening und reduziert Widerstand und Stigma.
Entstigmatisierter Einstieg. In Kulturen oder Bevölkerungsgruppen, in denen psychische Erkrankungen stark stigmatisiert sind, ist eine positiv formulierte Wohlbefindensskala weit akzeptabler als eine Symptom-Checkliste. Der WHO-5 wurde in über 30 Sprachen übersetzt und in sehr unterschiedlichen kulturellen Kontexten validiert.
Einstieg in die Therapie. Für neue Therapiepatienten, die bereits nervös sind, setzt die Frage „Wie gut haben Sie sich gefühlt?" einen anderen Ton als „Wie schlecht haben Sie sich gefühlt?".
Erfassung des Behandlungsergebnisses. Genesung ist nicht nur die Abwesenheit von Symptomen, sie ist das Vorhandensein von Wohlbefinden. Der WHO-5 erfasst die positive Dimension, die Instrumente wie der PHQ-9 vollständig auslassen. Ein Patient kann auf dem PHQ-9 einen Score von 4 erreichen (minimale Depression) und dennoch auf dem WHO-5 ein geringes Wohlbefinden berichten. Das ist ein Hinweis, dass die symptomatische Depression zwar überwunden ist, aber positives psychisches Wohlbefinden noch nicht erreicht wurde.
Den WHO-5 mit Symptommaßen kombinieren
Der WHO-5 und störungsspezifische Instrumente (PHQ-9, GAD-7 etc.) ergänzen einander, sie konkurrieren nicht. Eine sinnvolle Assessment-Strategie könnte so aussehen:
Eingangsscreening: WHO-5 als universeller Screener → bei Score unter 50 Nachverfolgung mit störungsspezifischen Maßen auf Basis des klinischen Eindrucks.
Laufendes Monitoring: WHO-5 in jeder Sitzung als kurze Wohlbefindenskontrolle + störungsspezifisches Instrument (z.B. PHQ-9) in regelmäßigen Abständen (alle 2–4 Sitzungen) für detailliertes Symptomtracking.
Ergebnisevaluation: WHO-5 bei Aufnahme und Entlassung zur Messung der Gesamtveränderung des Wohlbefindens, ergänzt durch störungsspezifische Maße für symptombezogene Ergebnisse.
Dieser geschichtete Ansatz liefert sowohl den breiten Blick (Verbessert sich das Wohlbefinden?) als auch den spezifischen Blick (Gehen die Zielsymptome zurück?).
Praktische Vorteile
Universelle Einsetzbarkeit. Da der WHO-5 an keine bestimmte Diagnose gebunden ist, funktioniert er über das gesamte Spektrum von Vorstellungsgründen hinweg. Sie können dasselbe Instrument für Depression, Angst, Anpassungsstörungen, chronischen Stress und subklinische Belastung verwenden.
Änderungssensitivität. Der WHO-5 reagiert schnell auf Verschlechterung und Verbesserung gleichermaßen. Seine 0–100-Skalierung ermöglicht eine feingranulare Verlaufsmessung, die auch kleine Veränderungen über die Zeit erkennbar macht.
Patientenakzeptanz. Der WHO-5 hat unter allen klinischen Instrumenten eine der höchsten Akzeptanzraten. Patienten empfinden ihn als schnell, nicht belastend und relevant.
Kostenlos. Der WHO-5 ist frei verfügbar für den klinischen Einsatz, ohne Lizenzgebühren oder Einschränkungen.
Einschränkungen
Der WHO-5 ist ein Screening- und Monitoringinstrument, kein diagnostisches Instrument. Ein niedriger Score zeigt an, dass etwas nicht stimmt; er zeigt nicht, was. Eine weiterführende Abklärung ist immer erforderlich.
Zudem gibt es einen Deckeneffekt bei gesunden Populationen. Die meisten Personen ohne psychische Gesundheitsprobleme erreichen Scores über 60, wodurch der Messbereich in Kontexten der Wohlbefindensförderung (im Gegensatz zu klinischen Kontexten) eingeschränkt ist.
Der WHO-5 differenziert nicht zwischen verschiedenen Formen von Belastung. Ein Patient in einer depressiven Episode und ein Patient mit schwerer Angst können ähnliche WHO-5-Scores aufweisen. Für die Behandlungsplanung benötigen Sie zusätzliche Informationen.